Beitrag zum GFK-Adventskalender 2023

Dieser Beitrag Heikes wurde am 06.12.2023 im GFK-Adventskalender von Muutos e.V. – gewaltfrei online.de gepostet. Er entstammt dem 4. Kapitel „Der Sehnsucht folgen“ (ab S. 227) in WENN WIR WIEDER WAHRNEHMEN.

Ein befreundeter Familientherapeut erzählt mir, dass er immer mehr mit Schulverweigerung zu tun hat:

»Reihenweise Eltern bringen Kinder und Jugendliche zu mir, die einfach nicht in die Schule gehen wollen.«

»Und«, fragte ich ihn, »hast du diesen Eltern schon zu ihren intelligenten Kindern gratuliert, die einem System fernbleiben, das sie ins Funktionieren hineinkonditionieren will?«

»Nein, natürlich nicht. Die Eltern bringen sie ja zu mir, damit sie wieder in die Schule gehen.«

»Möchtest du diese Erwartung bedienen?«

»Na ja, ich hab ja nicht so richtig eine Wahl.«

»Warum nicht? Wie wäre es, du lädst diese Eltern zu einem Elternabend ein und beglückwünscht sie zu ihren Kindern, die mit so einem ausgeprägten Sinn für Stimmigkeit ausgestattet sind? Du erkennst an, von wie viel Charakterstärke es zeugt, dass sie jede Menge Tadel und Schwierigkeiten in Kauf nehmen, um sich selbst treu zu bleiben. Dann setzt ihr euch im Kreis zusammen und die Eltern können teilen, wann sie selbst Schule als gewaltsam und missachtend empfunden haben. Vielleicht wird daraus eine ganze Reihe von Abenden, weil es viel zu betrauern und jede Menge Scham und Wut auszudrücken gibt. Und dann macht ihr euch gemeinsam mit den Jugendlichen daran, eine Lösung zu finden, die wirklich ernst nimmt, woran sie leiden. Eine, die ihre Wutkraft für wirkliche Veränderung nutzt.«

Mein Freund schob als allerletztes Hindernis noch seine Chefin vor, die solch einen Elternabend wohl nicht gutheißen würde. Da konnte ich nicht anders als an seinen Integrität zu appellieren:

»Deine Arbeit wird so hoch geschätzt. Was hält dich davon ab, sie genau so zu machen, wie dein Herz es dir sagt?«

Wovon lassen wir alle uns immer wieder in vermeintliche Notwendigkeiten und scheinbar Unabänderliches zwängen? Die Mechanismen, denen wir da folgen, wollen aufmerksam betrachtet werden.

Eine neue, eine wirklich andere Kultur kann doch am besten von jenen Menschen visioniert und erschaffen werden, die schlichtweg nicht in der Lage sind, sich unempfindlich zu machen, abzustumpfen und den Wahnsinn irgendwie durchzuhalten. Diejenigen, die am Ist-Zustand zu verzweifeln drohen, jene, die scheitern und keinen Platz finden – genau sie haben das Potenzial, zum Entstehen einer Gesellschaft beizutragen, die wirklich anders tickt. Unsere Aufgabe als Therapeut*innen, Pädagog*innen, Begleitende ist es, sie zu ermutigen und zu beflügeln, indem wir das Vertrauen in die Richtigkeit ihrer Wahrnehmung stärken – in die Kraft, die ihrer Verzweiflung und ihrem vermeintlichen Scheitern innewohnt. Wenn wir diese Haltung dem Begleiten von Menschen zugrundelegen, wie auch immer wir unsere Arbeit nennen mögen, dann hören wir auf mit dem Reparieren. Wir unterlassen es, Menschen notdürftig wiederherzustellen, damit sie brauchbar sind für ein System, das sie krank macht. Im Gegenteil: Wir würdigen Krisen, Krankheit und Schwierigkeiten als einen gesunden Impuls, als Wegweiser, als Zeichen, dass die Sehnsucht sich nicht unterbuttern lässt. Davon lassen wir uns leiten. Wir verabschieden uns aus der Welt der Notlösungen und halbseidenen Kompromisse, weil es ja vermeintlich nicht anders geht. Und lassen aus dem Kompost, aus dem Schmerz etwas Lebensdienliches erwachsen. Wir hören auf zu reparieren und widmen uns dem Transformieren.